Rowohlt
  
   
  
Harry Rowohlt
las am 15. Juni 2002

in der Kunsthalle Jameln


Harry Rowohlt, geboren am 27.3.1945 in Hamburg, lebt in Hamburg, Eppendorf, ist Übersetzer, Rezitator, Zeit-Kolumnist und Gelegenheits-Schauspieler in der "Lindenstraße". Er hat über 100 Bücher aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, darunter A. A. Milnes "Pu der Bär", Frank Mc- Courts Bestseller "Die Asche meiner Mutter" und jüngst Shel Silversteins "Raufgefallen" und Roger Boylans "Killoyle".
2001 wurde ihm der "Göttinger Elch" verliehen, 1999 der "Johann-Heinrich-Voß-Preis" der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung" 1997 der "Brüder-Grimm-Preis" der Stadt Hanau.
Als Vortragender liest er zur Zeit:
Harry Rowohlt, Pooh's Corner I + II (Haffmans Verlag);
Shel Silverstein, Raufgefallen (Haffmans Verlag);
Frank McCourt, Die Asche meiner Mutter (btb);
zudem David Sedaris "ekelerregende Hundegedichte" (unveröffentlicht)
und seine Übertragung ins Hamburgerische von "Erna, der Baum nadelt" (Gernhardt, Eilert, Knorr).
Und dann erzählt er viele unveröffentlichte Geschichten.

Fanny Müller schrieb über eine gemeinsame Lesung mit Harry Rowohlt und Wiglaf Droste: "Um 20.15 Uhr fingen wir an und um 23.30 Uhr saßen sie immer noch links und rechts von mir und sangen mit geschlossenen Augen irische Lieder. Sonderbarerweise war das Publikum auch noch anwesend. Wenn ich nicht mit einem anmutigen Zusammenbruch gedroht hätte, wären wir vermutlich jetzt noch da. Dies nur zu Ihrer Information, falls sie sich für den späteren Abend noch etwas vorgenommen haben. Das können Sie jetzt gleich canceln." (Falter, 29.3.96).

Harry Rowohlt gestaltet seine Lesungen anders, als viele seiner Zuhörer erwarten. Trotzdem oder gerade deshalb zieht der Poet sein Publikum in den Bann. Das gelang ihm auch in der "Kunsthalle" in Jameln.

Elbe-Jeetzel-Zeitung, 18. Juni 2002
Kultur lokal:

Kein heiterer Säuferpoet?
»Lesung mit Harry Rowohlt»

st Jameln. Harry war da. Harry heißt Rowohlt mit Nachnamen, aber er hat gesagt, dass ich »du» zu ihm sagen darf.
Nicht nur ich, auch die vielen anderen, die zu Harrys Lesung in die »Kunsthalle» in Jameln gekommen waren. Wobei »Lesung» nicht ganz das ist, was Harry im Sinn hat. Er wollte nie wie irgendeine »Doppelnamentusse», sagt Harry, 40 Minuten Gedichte vorlesen, die sich nicht mal reimen, und dann noch mit dem Publikum diskutieren. Nach seinen Lesungen, sagt Harry, hätte noch nie jemand diskutieren wollen. Das kommt sicher daher, dass Harrys Lesungen lange dauern.
Drei, vier, meist vergnügliche Stunden sind Standard. Außer in Bad Bevensen. »Mit dem Ort stimmt was nicht», sagt Harry. »Da gibt es weder taz, noch Gauloise ohne Filter zu kaufen», und die Leute sind alle älter als er. Außerdem mussten sie um 10 Uhr im Kurhotel sein, was ihm die ganze Dramaturgie durcheinander brachte. Harrys Dramaturgie geht so: Er trinkt einen Schluck, raucht und erzählt kleine heitere Begebenheiten aus seinem Leben als Harry. Das fand offenbar bisher hauptsächlich in der Schule, bei kultivierten Besäufnissen mit diversen Prominenten, in Zügen, auf Bahnhöfen, vielen Lesungen, in Irland und natürlich in Hamburg statt, wo der Harry lebt, gerne mit Barkassen fährt oder zum Stammtisch geht.
All das sprudelt locker, lehrreich aus ihm heraus, mittendrin schenkt er sich Whiskey ein, lässt die Flasche zur Ansicht herumgehen und erhält sie stark beschädigt zurück. Da wird er heute wohl gesund leben müssen, sagt er und liest ein paar Zeilen aus einer seiner zahlreichen und meist genialen Übersetzungen, bevor er sich für eine neue Stegreifgeschichte selber unterbricht. Selber unterbrechen, damit und mit scheinbar mühelosem Vortrag unglaublich vieler verschiedener Stimmen in einem Text hält er uns im lockeren Griff. Der Griff wird etwas fester, wenn irgendwer im Publikum auch witzig sein will, dann sagt Harry schon mal, dass er ja möchte, dass sein Publikum mitdenkt, aber wenn es das tut, ist es ihm auch wieder nicht recht. Sanfter Rüffel für den Spaßvogel, schon ist Ruhe im Saal, und Harry ist wieder selber komisch.
Wobei »komisch» die Sache nicht ganz trifft, denn irgendwie ist der Harry auch ziemlich sauer, vor allem auf Joschka Fischer, Verleger, Lektorinnen, Lehrer, schreibende »Großlangweiler», Harald Schmidt, den Übersetzer Wollschläger, Jürgen W. Möllemann, Focus, den Springer-Verlag, Reporter der Lokalpresse, Stuttgart, schottischen Whisky und die Türsteher der Weihnachtsmesse in Dublin. Das sind für meinen Geschmack ein paar Abneigungen zu viel, um Harry für den heiteren Säuferpoeten zu halten, als der er gehandelt wird. Aber ich als Lokalreporter werde mich hüten, dagegen anzustinken.

Harry Rowohlt gestaltet seine Lesungen anders, als viele seiner Zuhörer erwarten. Trotzdem oder gerade deshalb zieht der Poet sein Publikum in den Bann. Das gelang ihm auch in der "Kunsthalle" in Jameln.

Harry Rowohlt
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